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Das Leben, das man wählt

[…]

„So, gleich sind wir da!“, kündigte Ian an.

Sie waren irgendwann von der Küstenstraße nach rechts abgebogen, auf eine Straße, die noch enger und von vielen Schlaglöchern durchsetzt war und sich kontinuierlich einen Hügel hinauf schlängelte. Schließlich erreichten sie die Anhöhe.

Theresa stockte der Atem. Es schien beinahe so, als hätten sie das Ende der Welt erreicht. Vor ihnen erstreckte sich eine grasbewachsene Ebene, in deren Mitte ein weißer Leuchtturm majestätisch emporragte. Daneben standen zwei große, rechteckige Häuser und einige kleinere Nebengebäude. Die Küste fiel in einem großen Halbkreis um den Leuchtturm steil zum Meer hin ab.

Ian fuhr mit dem Wagen direkt bis zu dem großen, eisernen Eingangstor und parkte rechter Hand auf einem Schotterplatz.

Sie stiegen aus.

Eine kühle Brise wehte vom Atlantik her. Theresa fröstelte.

„Warte, ich hole deine Jacke aus dem Wagen“, bot Ian an, dem ihr Zittern nicht entgangen war.

„Danke, das ist nett“, antwortete sie und ging langsam ein paar Schritte auf den Leuchtturm zu. Sie hatte schon einige gesehen, in verschiedenen Ländern, aber keiner hatte sie so beeindruckt wie dieser. Vielleicht lag es an der atemberaubenden, unberührten Landschaft, die ihn umgab.

Ian trat von hinten an Theresa heran und legte ihr behutsam die Jacke um die Schultern.

Dankbar lächelnd drehte sie sich zu ihm um, schlüpfte rasch in die Ärmel und zog den Reisverschluss bis zum Hals. Ian griff wie selbstverständlich nach ihrer Hand.

Theresas Herz schlug Purzelbäume vor Glück. Fragend sah sie zu ihm auf.

„Wo sind wir hier?“

„Am Loop Head.“

„Es ist wunderschön! Du hattest recht, als du sagtest, es würde mir gefallen.“

„Der Leuchtturm ist zwar ganz nett, aber noch nicht das, was ich gemeint habe“, entgegnete Ian geheimnisvoll. „Komm mit!“

Er führte sie rechts an dem Gebäude vorbei über die Wiese, bis sie schließlich den Rand der Küste erreichten. Vorsichtig spähten sie hinab. In den felsigen Klippen unter ihnen hockten zig verschiedene Arten von Vögeln, deren Rufe sich mit dem Rauschen des Meeres vermischten.

„Nisten sie hier?“, fragte Theresa interessiert.

Ian nickte.

„Ja. Bei einer Zählung wurden 29 verschiedene Arten entdeckt, die hier brüten. Da vorne, die kleinen schwarz-weißen mit den orangen Füßen und der orangen Schnabelspitze, das sind Papageitaucher. Dann gibt es noch Falken, Krähenscharben und Alke. Ach ja, und natürlich Möwen.“

Theresa verkniff sich einen Kommentar darüber, dass er bei seinem Wissen glatt als Ornithologe durchgehen könnte. Stattdessen fragte sie: „Die Klippen hier sind doch auch recht hoch, fast wie die Cliffs of Moher, oder?“

„Ein wenig kleiner sind sie schon. Aber dafür ist hier kaum eine Menschenseele. Komm, dort drüben ist ein schöner Platz.“

Sie gingen Hand in Hand am Rand der Klippen entlang, bis sie Loop Head umrundet hatten. Auf dieser Seite waren die Klippen nicht mehr ganz so hoch und auch nicht mehr von Gras bewachsen, sodass Theresa und Ian nun über blanke Felsen schritten. Theresa betrachtete fasziniert die Muster, die das Wasser in den Stein gemeißelt hatte, und entdeckte dabei unzählige winzige Muscheln und Schneckenhäuser, die in den Felsspalten klebten.

Plötzlich drang ein lautes Grollen an ihr Ohr. Überrascht blickte sie auf und genau in dem Moment brach sich die Welle, die das merkwürdige Geräusch verursacht hatte, an den Felsen. Die Gischt spritze, so hoch, dass das Meerwasser in dicken, eiskalten Tropfen auf Theresa niederprasselte. Vor Überraschung entfuhr ihr ein spitzer Schrei.

Ian, der einige Meter entfernt gestanden und einen Felsen in Form eines überdimensionalen Schneckenhauses betrachtet hatte, sah alarmiert auf, um sogleich in schallendes Gelächter auszubrechen.

„Vorsicht, die Wellen schlagen hier sehr hoch!“, rief er ihr lachend gegen den Wind zu.

„Danke!“, rief sie zurück. Leiser murmelte sie vor sich hin, „Das habe ich auch gemerkt“, während sie die feuchten Locken schüttelte.

Ians leises Lachen ließ Theresa aufblicken. Er war herübergekommen und stand nun direkt neben ihr.

„Du siehst aus wie ein begossener Pudel!“, stellte er grinsend fest. Theresa streckte ihm die Zunge heraus.

„Mach dich nur lustig über mich. Zum Glück ist es hier nicht so windig wie an den Klippen dort hinten.“

Theresa deutete mit einem Kopfnicken hinüber zur anderen Seite der Klippen, an der die Vögel nisteten. „Sonst würde ich bestimmt zur Eissäule erstarren.“

„Das liegt daran, dass das hier nicht mehr der Atlantik ist, sondern die Mündung des Shannon. Schau, dort hinten kannst du sogar ein großes Frachtschiff erkennen!“, erklärte Ian und deutete hinaus aufs Wasser.

Theresa kniff die Augen zusammen und spähte in die Ferne. Tatsächlich. Am Horizont konnte sie die Schornsteine eines großen Schiffes ausmachen.

„Also wird Loop Head auf der einen Seite vom Atlantik und auf der anderen vom Shannon eingegrenzt“, stellte sie fest.

„Stimmt genau.“

Sie standen eine Weile nebeneinander, den Blick hinaus auf den unglaublich breiten Fluss gerichtet. Immer wieder rollten tosende Wellen heran, die sich an den Felsen brachen und über den Rand der Küste zu ihnen heraufschwappten. Aber diesmal hielten sie den nötigen Abstand, um nicht nass zu werden. Staunend bewunderten sie die braunen Felsen. Vereinzelte Sonnenstrahlen spiegelten sich im Wasser, das sich in den Spalten des Gesteins gesammelt hatte, und ließen die Felsen glitzern. Der Wind wehte durch ihr Haar und die Sonne schien angenehm warm auf sie herab.

„Es ist perfekt hier“, flüsterte Theresa.

„Du bist perfekt“, entgegnete Ian.

Langsam wandte sich Theresa ihm zu. Hatte er schon länger so dagestanden und sie betrachtet? Der Blick, mit dem er sie ansah, ließ Theresas den Atem stocken und ihr Herz in den mittlerweile fast vertrauten, unregelmäßigen Rhythmus übergehen, der mit jeder seiner Gesten und Berührungen einherging.

Ian trat einen Schritt auf sie zu, sodass er nun ganz nah war. So nah, dass sie glaubte, die Wärme seines Körpers selbst durch den Stoff ihrer Jacke spüren zu können.

Theresa war ihm, rein körperlich gesehen, schon näher gekommen. Gestern Nacht, als er sie in seinen Armen gehalten und sie ihren Körper ungeniert an seinen gepresst hatte. Doch trotz alledem hatte sie das Gefühl, ihm noch nie so nahe gewesen zu sein wie in diesem Moment.

Ian nahm ihr Gesicht behutsam zwischen seine großen, warmen Hände. Sein Daumen streifte sanft über ihre Lippen, die sich unter der Berührung augenblicklich etwas öffneten. Noch immer hielten ihre Blicke sich fest. Theresa war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Die ganze Welt um sie herum schien zu erstarren. Schien innezuhalten in gespannter Erwartung dessen, was gleich geschehen würde. Ebenso wie sie selbst.

[…]